So-froehlich photography

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Pushkar

Der Kamelmarkt von Pushkar, Indien 2010
Regen. Wir fahren von Udaipur aus Richtung Pushkar. Die Straßen sind nass und die Straßenränder beginnen sich aufzulösen. Aber die Menschen die die uns sehen winken uns unerschütterlich zu. Schließlich bringen wir Regen mit. Langersehnt. Pushkar. Darauf habe ich gewartet. Das Pushkarfest ist ein großer Jahrmarkt. Auch wenn Inder es nicht recht glauben wollte es ähnelt ein wenig dem Ostermarkt bei uns im Dorf. Ein religiöses Fest, an dem man seine Sünden loswerden kann gepaart mit einem Viehmarkt und natürlich mit Ständen an denen man alles kaufen kann, was man das Jahr über in dieser entlegenen Gegend entbehren muss. Die Stadt Pushkar liegt in einer großen sandigen Ebene. Platz genug also für Hunderttausende Pilger, Viehhändler und Touristen. Am Rande der Ebene liegen große Zeltstädte um die vielen Besucher aufzunehmen. Zweireihig gegenüber aufgestellt wirken die Zeltlager wie ein Feldlager der britischen Armee im vorherigen Jahrhundert. Und genau so sind die Zelte auch eingerichtet. Ihre Grundfläche misst ungefähr 3m x 8m mit einem kleinen Vordach in dessen Schatten man sitzen kann. Öffnet man das Zelt so findet sich im Innern ein äußerst bequemes Bett, zwei hölzerne Klappstühle, ein Tisch, ein Regal und im hinteren Teil durch ein Plane abgetrennt, ein komplettes Badezimmer. Als meine Füße den weichen Teppich berühren muss ich unwillkürlich wieder an Lawrence von Arabien denken. Es ist ein Traum genauso wie die Pavillons die die weiß gedeckten Tische, an denen wir essen, vor Regen schützen.

Noch surrealer wird die Szenerie am nächsten Morgen als ich bei Sonnenaufgang das Zelt verlasse. Am Himmel tummeln sich gut ein Dutzend Heißluftballons. Es ist der Morgen an dem wir zu den Ghats gehen. Die Ghats sind Zugänge zum See, an denen man neben dem Waschen auch beten kann oder seine Wünsche in materieller Form in den See abgeben kann. Dafür winken einem dann die Vergebung aller Sünden. Den Spöttern unter euch, die auf Idee gekommen sind, der See müsste ja irgendwann voll Gerümpel sein, sei gesagt, dass er erst vor 2 Jahren grundgereinigt wurde. Wir sitzen also auf den Stufen der Ghats. Ein Brahmane beginnt mit uns zu beten. Von überall her dringen Mantras zu mir. Und obwohl heute morgen nur wenige Pilger zugegen sind spüre ich die Heiligkeit dieses Ortes. Das hier ist pure Energie. Und längst nicht jeder meiner Mitreisenden kann damit Umgehen. Alles wird eins. Der Kreis schließt sich. Wir geben unsere guten Wünsche zusammen mit den Rosenblättern in das Wasser. Auf dass sie in Erfüllung gehen. Dieses Gefühl klingt noch lange in mir nach. Eine kleine Ahnung auf das Nirwana zu bekommen. Ich bin glücklich!

In meinem Glücklichsein lasse ich mich am Nachmittag dazu hinreißen, Inder zu überreden mit einem Teil der Gruppe zu einem der Tempel auf den Kegelbergen, die das Tal flankieren aufzusteigen. Ja, ich wusste, dass Inder ansonsten Gruppen im Himalaya führt. Unsere Zeitvorgabe für den Aufstieg war rund eine Stunde, um pünktlich zum Abendessen wieder im Camp zu sein. Von unten sieht das Ganze nicht so schlimm aus. Eine Treppe führt bis hoch an den Tempel. Und eine ganze Reihe von Menschen sind mit dem Auf- und Abstieg beschäftigt. Es sollte also auch für mich kein großes Problem sein. Als ich schließlich bei den Stufen ankommen stelle ich fest, dass es sich um mehr oder weniger stark behauene Steinstufen handelt, die mit einem normalen europäischen Treppenmaß nichts gemein haben. Die Stufenhöhe beträgt 50 bis 60 cm und man muss ständig nach einem sicheren Tritt Ausschau halten. Ich finde auf diesen Stufen keinen Rhythmus. Immer wieder muss man gucken, dass man einen festen Tritt findet und nicht abrutscht. Außerdem lasse ich es zu schnell angehen. Das rächt sich schließlich auf den letzen 50 Höhenmetern. Mit hochrotem Kopf lasse ich mich auf die Stufe fallen auf der ich gerade stehe. „Lasst mich einfach hier“ sage ich den Nachfolgenden, die mich besorgt an-schauen. „Ich komme nachher einfach wieder mit euch hinunter“. Ich gebe auf. Ich sitze still auf meiner Stufe und schaue über die Ebene. Die Stadt und der See sind winzig klein. Die weißen Häuser leuchten in der Nachmittagssonne. Ich bin zufrieden, auch wenn ich es nicht bis auf den Gipfel geschafft habe. Mein Atem wird ruhiger und siehe da, es geht wieder. Langsam mache ich mich auf um den restlichen Weg zu bewältigen. Dann stehe ich vor dem Tempel. Und wieder habe ich etwas gelernt. Manchmal muss man eben kurz vor dem Ziel aufgeben um es dann doch noch zu erreichen. Der Reiseführer gibt die Höhe des Berges mit 1100m an. Die Ebene von Pushkar liegt auf rund 500m. 600 Höhenmeter in einer Stunde sind eben doch kein Pappenstiel.

Am nächsten Morgen verlassen wir Pushkar. Zumindest versuchen wir es. An einer besonders engen Stelle des Dorfes kommt uns ein Reisebus mit Pilgern entgegen. Beide Fahrer zirkeln ihre Busse hin und her. Als sie die Fahrzeuge soweit haben, dass sie mit einigen Zentimetern Abstand aneinander vorbei fahren können ertönt in beiden Bussen Jubel. Die Pilger als auch wir haben unsere offenen Handflächen zum Gruß an die Scheiben gedrückt. Dort wo die Scheiben offen sind gibt man sich die Hand oder klatscht sich ab. Wir erkennen, dass wir alle tatsächlich den gleichen Planeten bewohnen. Das ist Pushkar.

(Originaltext von 2010)


Ranakpur

Der Jaintempel von Ranakpur, Indien 2010
Wenn es um Kunsthandwerk und Tempel geht, so ist der Jaintempel von Ranakpur ein wahres Kleinod. Es handelt sich bei der Tempelanlage um einen Wallfahrtsort. Neben dem eigentlichen Tempel gibt es Gebäude mit kleinen Zellen zum Übernachten, Duschen und einen großen Speisesaal. Während die Nebengebäude wirklich nur ihrer Funktion folgen und sehr einfach sind, besteht der Tempel aus dutzenden von behauenen Marmorsäulen. In der Mitte liegt ein Schrein der nur von den Gläubigen betreten und auch nicht fotografiert werden darf. Hält man sich an diese Regeln und hat man womöglich schon einen Obolus an einen der Mönche entrichtet, so gibt es aber auch hier Ausnahmen, wenn die Mönche einen bei der Hand nehmen und auf den einen oder anderen fotografischen Blick hinweisen. Der Tempel enthält neben den geraden Säulen auch eine schiefe Säule. Sie gemahnt einen, nicht zu vergessen, dass nichts perfekt ist. Und das Schönheit auch im Hässlichen zu finden ist, wie auch umgekehrt. Also etwas wie der Brecht´sche Verfremdungseffekt. Ich fühle wohl in diesem großen, lichten Gebäude. Ich spüre den sauberen weißen und von den Menschen glattpolierten Marmor unter meinen Füßen. In mir keimt das Gefühl auf angekommen zu sein. Inder hat uns inzwischen ein Gebet organisiert. Uns so sitzt die ganze Gruppe auf den Marmorstufen und lauscht dem Bariton eines der Mönche. Das Om hallt nicht nur durch die Hallen des Tempels sondern klingt auch in mir noch lange nach. Und manchmal wenn ich mich in einer ruhigen Minute zurück erinnere, übertönt es sogar meinen Tinnitus.

(Originaltext von 2010)

Moti Mahal - Der Perlenpalast

Moti Mahal, Jaisalmer, Indien 2010
Es ist Nachmittag und ich hab so gar keine Lust mehr auf Havelis. Klar sind sie schön anzuschauen. Aber sich mit der ganzen Reise-gruppe und den anderen Touristen durch die engen Räume und Höfe zu schieben ist nun nicht mein Fall. Du gehst rein, guckst dich um und gehst wieder raus. Ich hab versucht draußen zu bleiben und ein wenig Ruhe auf einer Bank zu suchen. Aber vergeblich. Binnen Sekunden war ich umringt von Bettlern, Schuhputzern und Marionettenverkäufern. Da hilft nur noch eines: Immer in Bewegung bleiben. Und natürlich ein heißer Chai. Danach ist mir auch jetzt zumute, als F. aufgeregt in seinem Reiseführer blättert und auf ein Haveli auf der anderen Straßenseite zeigt. Mir schwant böses. „Das ist der Haveli des Premierministers von Jaisalmer“ sagt er. „Den hatte ich mir aus meinem Reiseführer heraus gesucht, weil ich ihn unbedingt sehen wollte.“ Ich denke mir ein langgezogenes Okay, werfe noch einen Blick auf das Rooftop Restaurant gegenüber und verabschiede mich innerlich von meinem Chai.

Wir stapfen die Treppen zu Eingang hoch. Auf einem Schild stehen die Öffnungszeiten und der Eintrittspreis von 40 Rupien. F. liest mir noch einmal den Text aus seinem Führer vor und ich verstehe nicht ganz warum das nun nur was für erfahrene Indienreisende mit viel Zeit sein soll. I. u. M. sind auch mit dabei. Und so betreten wir zu viert den geheimnisvollen Haveli. Ein Mann kassiert die Eintrittsgelder. F. zahlt für mich mit, weil ich mal wieder kein Kleingeld habe, eine Krankheit in diesem Land. Man schickt uns eine enge Treppe hoch und nachdem ich mir mal wieder den Kopf an dem für mich viel zu kleinen Türsturz gestoßen hab stehen wir auf einer Dachterrasse. Wir schauen uns um. Nach einiger Zeit kommt der Kassierer von unten hoch begrüßt uns und fragt ob wir auch genügend Zeit mitgebracht haben. Sein Englisch mit dem indischen Akzent hört sich genauso gut an wie mein Englisch mit dem deutschen Akzent und wir verstehen uns auf Anhieb. Im Geiste fange ich schon mal an zu überschlagen, wie viel Trinkgeld am Ende fällig wird und überlege ob die beiden Frauen in unserer Begleitung vielleicht noch etwas mehr zahlen werden. Das sind Gedanken, die ich mir zu Hause nicht mache. Aber hier in Indien spielt Trinkgeld eine große Rolle. Und mir ist oft nicht ganz klar, wann die Leute nur nett zu einem sein wollen, wenn sie einem etwas zeigen und wann sie ein Trinkgeld dafür erwarten. Mit der Zeit hab ich jedoch festgestellt, dass man hier, anders als bei uns, mit Geld niemanden beleidigen kann. Das ist ein recht pragmatischer Ansatz, wenn man morgens noch nicht weiß, ob man abends etwas zu essen bekommt. Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, ist unser Führer nun richtig in Fahrt gekommen und erklärt uns neben der Bauweise des Gebäudes auch den Recyclinggedanken, der hier schon vor rund 300 Jahren auf kam. Die Wasserknappheit in dieser Wüstenregion hat schon immer dazu geführt, dass die Bevölkerung sorgsam mit ihren Ressourcen umgehen musste.

Die Frauen beispielsweise duschten nur einmal im Monat, wenn sie ihre Tage bekamen. Ansonsten wurde der Körpergeruch nur mit Parfüm bzw. hier mit ätherischen Ölen überdeckt. Interessanterweise erfahre ich auch gleich den praktischen Nutzen dieser für uns heutzutage vielleicht befremdlichen Vorgehensweise. Die Frauen rieben sich zunächst mit einer Mischung aus Sand und Wasser ein. Heute würde man Matsch dazu sagen. Die Masse diente gleichermaßen als Peeling. Geduscht wurde auf einer der oberen Terrassen des Hauses. Das dazu benötigte Wasser dazu kam aus einer Zisterne durch eine steinerne Rinne. Der Sand wusch Dreck und Parfüm von der Haut und wurde in dem flachen Duschbecken aufgefangen. Das Wasser, das durch den Sand gleichzeitig filtriert wurde, fing man ein Stockwerk tiefer wieder auf um es zum Putzen zu benutzen. Anschließend diente es noch als Klospülung. Der Sand aus der Dusche, der mittlerweile mit dem herunter gewaschenen Parfumöl versetzt war wurde in die Latrinen geworfen, was auch dort für einen angenehmen Geruch sorgen sollte. Ich erfahre auch einiges über den Aufbau des Hauses. Die Balken sind mit Senföl imprägniert, welches brandhemmend wirkt, Schädlinge vertreibt und das Verrotten des Holzes verhindert. Alles scheint in diesem Haus einen Nutzen zu haben. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Decken sind mit einer Mischung aus Schlamm, Ghee (ind. Butterschmalz) und Kuhdung gefüllt. Die Füllung isoliert im Winter gegen Kälte und im Sommer gegen die Hitze. Außerdem bietet die Hohldecke einen wirksamen Schutz gegen den Einsturz bei Erdbeben.

Der Perlenpalast wurde im Baukastenprinzip gebaut. Die Steine wurden, da Mörtel aufgrund des knappen Wassers nicht zur Verfügung stand, mit einem Nut- und Federsystem ähnlich dem von Legosteinen ( „Do you know Lego, the toy stones. L-E-G-O?“, „ Yes, we know!“), zusammengefügt und mit Metallringen arretiert. Die steinernen Rosetten der Außenfassade konnten über einen Bajonettverschluss angebracht werden und einmal im Jahr wurden spezielle Rosetten zu einem Fest angebracht, die dem Haveli den Namen Moti Mahal- Der Perlenpalast einbrachte. Das ehrgeizige Unterfangen Premiermister Singhs , den Haveli mit einer rund 300m langen Brücke mit dem Palast des Maharadschas zu verbinden, wurde jedoch vom Maharadscha selbst unterbunden. Mit der Anweisung, dass kein Haus mehr als neun Stockwerke hab darf, musste der Perlenpalast wieder um 2 Stockwerke, Baukasten sei dank, zurück gebaut werden. Die Informationen fließen und mir schwirrt langsam der Kopf.

Wir kommen in einen kleinen Raum in dem man Andenken kaufen kann. Es gibt kleine Tiere aus filigranem Gitterwerk, die duftende Baumwolle aufnehmen. Öllampen in allen Variationen und noch einiges mehr. Die Preise sind nicht übertrieben. Gefeilscht wird nicht. Die Einnahmen dienen zur Erhaltung des Havelis. Spät ist es geworden, draußen geht langsam die Sonne unter. Die Frauen in unserer Begleitung möchten vor dem Essen noch ins Hotel. Alles kein Problem, sagt unser Führer, sein Bruder hätte ein Tuc-Tuc. Und er ruft ihn an und ein paar Minuten später steht dieser auch schon unten. Unsere Führung dauert jetzt mittlerweile schon gute ein einhalb Stunden und ich bin gespannt wie es weitergeht. Schließlich gibt in diesem Raum noch eine weitere Treppe. Ich denke noch „allzu lang kann ja jetzt nicht mehr dauern“, aber ich sollte mich irren. Wir steigen die Treppe hoch in den Tanzraum. Tanzsaal wäre zwar das schönere Wort, aber dazu ist der Raum zu klein. Dafür ist er über und über mit Spiegeln bestückt und von der Decke hängen bunte gläserne Kugeln. In den Glaskugeln sollen ursprünglich Diamanten für die Lichtbrechung gesorgt haben, so dass in Verbindung mit den vielen Spiegeln an den Wänden und kleinen Öllampen eine Maharadscha Disco entstand. Hier konnte sich der Premierminister entspannen. Im Kreise von Tänzerinnen und Musikern oder auch nur um dem in dieser Gegend luxuriösen Wasserspiel zu lauschen. Wie auch in unseren Schlössern und Museen kann man den ursprünglichen Zustand nur erahnen. Aber es muss wunderschön gewesen sein. Mit einem freundlichen „Mind your head“ an mich, wegen der kleinen Türstürze, geht es nun eine Treppe hinunter. Ich verbeuge mich gezwungenermaßen in Ehrfurcht und betrete einen Raum der wohl ehemals auch sehr luxuriös eingerichtet war. Mit acht Spiegeln an den Wänden und davor jeweils ein kleines Becken. Das Badezimmer der Frauen. Sieben Plätze für die sieben Frauen des Premiers und ein Platz für die Tänzerin um sich auf den Abend vorzubereiten.

Wieder stehen hier ein paar Souvenirs herum und zwei weiße Monobloc Stühle. Unser Führer bittet uns Platz zu nehmen. Und beginnt mit einer Verkaufsvorführung für Parfümöle. Ich hatte es ja die ganze Zeit geahnt, die Sache hier hat einen Haken. Doch zu meiner Überraschung setzt F. sich hin und hört interessiert zu. Ich frag noch mal ob er auch richtig verstanden hat. Es geht hier um Parfüm. Und nicht nur das, sondern um Öle. Also stark riechende Ursubstanzen. Also nicht das was Mann so trägt. F. eröffnet mir, dass er noch Mitbringsel für seine Mutter und seine Sekretärinnen braucht. Das ändert die Sache natürlich schlagartig. Zu zweit sitzen wir auf unseren Monobloc Stühlen und probieren Düfte und Flacons nach Herzenslust aus. Dabei kommen wir dann auch mit unserem Führer ins Gespräch. F. fragt ihn ob er denn mit dem Premierminister verwand sei. „Ja,“ sagt er. Er ist der Ur, Ur, Ur, Ur-Großenkel des Ministers und das Haveli gehöre ihm. Es ist kein leichtes Erbe, denn der Erhalt des Hauses verschlinge viel Geld. Im Schnitt gibt es alle zwei Jahre ein Erdbeben und beschädigt den Palast. Und mehr als 8 Gruppen pro Tag kann er auch nicht durch die schmalen Räume und Treppenhäuser führen. Große Gruppen schon gar nicht. In diesem Moment kommt seine Frau mit Einkäufen herein. Sie öffnet die hölzernen Balkonläden. Draußen ist es bereits dunkel. Mein Blick fällt auf den Balkon auf dem die Frau die Einkäufe verstaut und auf eine Tüte mit Kinderspielzeug. Mir wird bewusst, dass in diesem Museum auch eine Familie wohnt. Dass es ihr zu Hause ist. Als wir wenig später wieder in der Eingangshalle des Hauses sind hat liegt der Schwager unseres Führers auf einer Matratze vor einem Fernseher, die Küche ist mit einem Vorhang abgetrennt, von hinten hört man die Kinder. Die ganze Szenerie wirkt ärmlich, von Romantik keine Spur. Jeder sucht hier einfach nach seinem Auskommen und nach seinem Platz im Leben. F. und ich tragen uns noch ins Gästebuch ein und geben das Versprechen allen Menschen die wir kennen und die nach Indien fahren vom Moti Mahal dem Perlenpalast zu erzählen und sie zu ihm zu schicken. Es ist spät und ich habe Hunger. Wir müssen uns beeilen, denn wir sind mit den anderen zum Abendessen im Restaurant verabredet. Unsere Führung hat drei Stunden gedauert.

(Originaltext von 2010)

Von (h)eiligen Kühen

Heilige Kühe in Jojawa, Indien 2010
Jaisalmer. Irgendwann gegen Mittag. Wir haben frei. Keine Besichtigung, kein Transfer, Urlaub!. Ich streife durch die Stadt. R. und ein paar andere aus unserer Gruppe sind hinter mir. Ich gehe durch eine enge Gasse. Vor mir stehen zwei Kühe. Ich hab keine direkte Angst vor Kühen. Ich wohne ja mittlerweile so weit auf dem Land, dass ich mich an die Tiere gewöhnt habe. Und auf der bisherigen Reise waren die Kühe auch immer friedlich. Respekt hab ich aber dennoch. Also springe links auf einen etwa 60 cm hohen Sims, laufe an den Kühen vorbei und springe wieder hinunter auf den Gehweg. Als ich mich umdrehe sehe gerade noch wie eines der beiden Tiere, aufgescheucht durch wohlmeinende Anwohner, den Kopf senkt, den massigen Körper wendet und die fassungslos dreinschauende R. mit einem gewaltigen Stoß zu Boden schleudert. Dann das Chaos: Rufen, rennen, herbei holen. Wir setzen R. auf den Sims. Froh, dass sie sich überhaupt bewegt. Froh, dass sie ansprechbar ist. Die Kuh hat inzwischen das Weite gesucht. Anwohner bringen Wasser zum Kühlen und eine undefinierbare Flüssigkeit zum desinfizieren. Krankenwagen geht mir durch den Kopf. Aber dann sehe ich mich um, selbst wenn ich irgendwie eine Notrufnummer auf meinem Handy, das ohnehin im Hotel lag, hätte wählen können, weiß ich ja noch nicht einmal wo wir sind. Geschweige denn hätte ein Krankenwagen, so es denn hier welche gibt (ich habe auf der Reise höchstens zwei gesehen), überhaupt durch die enge Gasse gepasst. The Indian Way. Unser Reiseleiter bringt R., die sich mittlerweile wieder berappelt hat, mit einem Tuc-Tuc ins Krankenhaus. Das Ergebnis diese Intermezzos sind ein gebrochener Arm und eine genähte Platzwunde am Kopf. Mir wird schlagartig klar, dass es tatsächlich noch so etwas wie Abenteuer gibt. Dinge die sich der eigenen Kontrolle entziehen. In meiner versicherten Welt, aus der ich ja sonst nur durch die Mattscheibe des Fernsehers hinaus schaue gibt es so etwas nicht.

Überall auf unserer Fahrt, mit Ausnahme von Delhi, wo Kühe nicht in das moderne Straßenbild passen, sehe ich die Tiere auf Straßen und Wegen stehen oder liegen oder herum laufen oder sonst irgendwas machen. Zu Hause hab ich das nie hinterfragt, weiß ich doch, dass Kühe in Indien heilig sind und folglich auch überall präsent sein müssen. Als ich aber die schiere Menge an Kühe sehe, frage ich mich doch wo die eigentlich herkommen. Wild sehen sie nicht aus, aber gehören scheinen sie auch niemandem. Ich frage also unseren Reiseleiter: „Hey, Inder wem gehören jetzt eigentlich die ganzen Kühe die hier rumstehen?“ Die Antwort ist einfach: „Niemandem.“ Es ist zwar so, dass die Kühe den gläubigen Hindus heilig sind. Bei den gläubigen Jains sind es sogar alle Tiere, wes-halb manche von ihnen auch mit einem Tuch vor dem Mund herumlaufen um keine Mücken zu verschlucken. Aber kümmern tut sich niemand um die Tiere. Kühe und auch Büffel liefern den Familien Milch. Solange sie das tun ist auch alles in Ordnung. Geben sie jedoch keine Milch mehr, ist das Futter für sie schlichtweg Verschwendung und die Tiere landen auf der Straße. Das ist wieder einmal etwas was ich schlecht nachvollziehen kann. Man tötet und isst keine Tiere aus religiösen Gründen, kümmert sich aber auch nicht um sie. Die Tiere ernähren sich vom Kompost den die Inder ihnen vor die Tür legen und natürlich von überall umher liegenden Plastikmüll. Ob Organisationen die die Tiere dahingehend operieren, dass diese permanent Milch geben, auf Dauer etwas daran ändern können wird sich zeigen. Bis dahin bleibt es wie es ist.

Die Kühe sorgen für Lokalkolorit. Sie liegen bevorzugt auf dem Mittelstreifen der Straßen, weil die Autoabgase die Fliegen im Zaum halten. Eine weitere Frage die mich nun beschäftigt war, wie das jetzt ist, wenn man nun doch einmal zu spät bremst. Nicht angesichts unseres Fahrers, der immer bemüht ist den Tata-Bus im Zaum zu halten, um schlechtes Karma von uns abzuwenden. Aber oft waren es nur Zentimeter, die die Kuh vom Nirwana und ihrer Reinkarnation trennten. In Indien ist es so, dass dem Fahrer eine Geldbuße droht und natürlich braucht er einen Priester, der für ihn Gebete spricht, damit er im nächsten Leben kein schlechtes Karma hat. Wer will schon als Kuh wieder geboren werden. In Nepal dagegen hat der Fahrer mit Gefängnis zu rechnen. Was mich von Plänen Indien oder Nepal doch irgendwann einmal mit dem Motorrad zu durchqueren Abstand nehmen lässt.

(Originaltext von 2010)

Der Jaintempel von Jaisalmer

Kuppeldecke im Jaintempel, Jaisalmer, Indien 2010
Meine nächste religiöse Begegnung mit Indien war der Jain Tempel in Jaisalmer. Versteckt in der Altstadt. Nur durch die Gassen der Andenkenhändler erreichbar. Die Jains sind eine Gruppe von Gläubigen, die das Töten von Kreaturen generell ablehnen, sei es nun absichtlich oder aus Versehen. Sie laufen am liebsten nackt herum und tragen einen Mundschutz, damit sie nicht versehentlich Fluginsekten verschlucken. Wer nun aber glaubt, dass der Tempel ein Nudistencamp sei, wird enttäuscht sein. Ich habe mir sagen lassen, dass die meisten Jaintempel von Buddhisten betreut werden. Auch dieser. Und nackte Gläubige sehen wir auch nicht, weil es auch bei den toleranten Jains etliche Abstufungen gibt. Dafür sind außer uns aber noch etliche Touristen in dem Tempel unterwegs. Auch werden wir von den diensttuenden (mir fällt jetzt kein anderer Ausdruck ein) Priestern wieder um eine Spende gebeten. Vielleicht ist diese direkte Bitte weniger heuchlerisch als der heimische Klingelbeutel, allerdings kann man sich auch nicht mit einem Hosenkopf, oder ganz kleinen Münzen durchmogeln, so wie ich es früher immer gemacht habe um mir nach der Kirche noch ein Eis kaufen zu können. Im Tempel selbst ist es dunkel und stickig, besonders wenn man über die schmale Treppe auf die Empore gestiegen ist. Dafür entschädigt aber der Blick auf die kunstvoll behauene Deckenrosette. Es ist aber alles sehr eng und man schiebt sich mit vielen anderen Menschen an den schneeweißen Buddhastatuen vorbei, die in kleinen vergitterten Nischen stehen. Die Atmosphäre ist hier schon sehr dicht und es fühlt hier auch schon ein wenig heilig an.

(Originaltext von 2010)