So-froehlich photography

Discover the world

Die Wüste lebt

Kamelsafari in die Wüste Thar, Indien 2010
Die Landschaft durch die wir fahren, wird zunehmend gelber und staubiger. Die Wüste Thar ist keine reine Sandwüste. Fast überall sieht man grüne Hennasträucher und andere Wüstenpflanzen. Das Wetter ist angenehm warm, fast ein wenig schwül. Es hat zwischen-durch auch immer wieder geregnet. Der Himmel ist bedeckt. Ein helles, diffuses Licht dringt durch den Dunst. Der Dunst ist überhaupt etwas, was uns hier ständig begleitet. Ich hatte eigentlich mehr blauen Himmel erwartet. Auch außerhalb der Städte, in denen der Dunst eher vom Smog der Abgase herrührt, ist der Himmel nur selten zu sehen. Mitten auf der Landstraße halten wir an. Auf dem Seitenstreifen stehen einige Männer mit ihren Kamelen. Das ist der Auftakt zu unserer Kamelsafari. Das Gepäck, nur das Nötigste für ei-ne Nacht, wird auf einem Kamelkarren verstaut. Dann setze ich mich in den harten Sattel eines der Tiere. Kamele machen auf mich immer einen etwas unbeholfenen Eindruck. So als wenn sie irgendwann doch über ihre eigenen Füße stolpern. Ich stecke meine Füße in die Steigbügel, beuge mich nach vorne und los geht´s. Im Bruchteil einer Sekunde befinde ich mich in luftigen zwei Metern Höhe. Runter geht es genauso schnell wenn man sich nicht festhält. Also aufpassen. Ein Kamel ist so ganz anders als ein Elefant, auf dem man faul auf einem Kissen liegen kann. Hier sitzt man auf einem harten Hocker und muss versuchen, das Gleichgewicht zu halten.

Wir reiten los. Und es ist ganz anders als auf einem Pferd zu reiten. Das hat mir als Kind schon nicht so viel Spaß gemacht. Aber Kamelreiten ist chillig. Die Tiere bewegen sich langsam und ich habe Zeit mich dem Rhythmus anzupassen. Nach ein paar hundert Metern durchqueren wir ein Dorf. Die Menschen winken und die Kinder jubeln uns von ihrem Klassenzimmer aus zu. Irgendwie klingt hier alles echter und herzlicher als zu Hause. Jedenfalls nicht so, wie wenn ich eine japanische Touristengruppe durch Stuttgart ziehen sehe. Ich bin dann allenfalls genervt, weil da mitten im Weg eine Menge Menschen fotografierend in der Gegend herum stehen. Hier ist es anders. Für die Menschen hier scheinen wir tatsächlich eine willkommene Abwechslung von ihrem Alltag zu sein. Aber nicht allen. Manche Männer sehen mürrisch drein, wenn ihre Frauen uns zu winken. Und manche Frauen verstecken ihr Gesicht hinter ihrem Schleier. Hinter dem Dorf wird das Land offener. Der Sand ist von schmutzig gelber Farbe aber überall wachsen spärliche grüne Pflanzen. Zeitweise werden unsere Pfade auch von Erdnussfeldern gesäumt. Ich genieße das Geschaukel auf diesem großen Tier und stelle mir vor, dass Lawrence von Arabien an gleicher Stelle mit seiner Einheit durch die Wüste zog. O.k. damals war er noch Thomas Edward Lawrance. (An dieser Stelle irrt unser geschätzter Autor und gleitet in das Reich der Mythen ab. In den einschlägigen Reiseführern wird wohl immer darauf hingewiesen, dass das Kamelkorps, das T.E. Lawerence gegen die Türken unterstützte hier stationiert war. Jedoch finden sich in seiner eigenen Biographie keine Hinweise auf einen Aufenthalt in Indien.)

Nach etwa zwei Stunden zieht unsere Karawane eine Düne hoch und wir haben unser Camp für diese Nacht erreicht. Unsere Zelte stehen in zwei Reihen gegenüber und etwas abseits befindet sich ein einfaches Wirtschaftsgebäude. Wieder nach vorne lehnen und abwarten bis der Führer das Kamel zum Abliegen bringt. Absteigen. Taumeln. Der Sand ist weich und gelb. Wenn ich nicht wüsste, dass ich hier in der Wüste bin, könnte ich mir hinter der Düne dort hinten auch das Meer vorstellen. Die Zelte werden verteilt. Danach gibt es Gelegenheit sich zu waschen. Die Toiletten befinden sich übrigens in kleinen schmalen Zelten, die in etwa so aussehen wie Umkleidekabinen. In diesen Zelten befindet sich nun ein Klapphocker mit einer Toilettenbrille statt einer Sitzfläche. Unter dem Hocker befindet sich ein einfaches Loch im Sand. Man verrichtet sein Geschäft und scharrt danach einfach etwas mit dem Fuß in das Loch. Fertig. Eine einfache und geniale Vorrichtung. Allerdings sollte man sich hüten, die Beine des Hockers zu nahe an den Rand der Grube zu bringen. Wenn man genug Gewicht auf die Waage bringt, besteht die Gefahr, dass der Hocker langsam aber unerbittlich in dem Loch versinkt. Und wer will sich schon gern aus so einer Lage von seinen Mitreisenden befreien lassen. Bis zum Essen ist noch Zeit und ich spaziere mit einigen anderen auf den Dünen umher. Ich berühre einen Busch, dann nur noch Schmerzen. Ich sehe an meinem Bein herunter und stelle fest, dass auf sich auf meiner Hose dutzende gelber Kletten verhakt haben. Wie Stecknadeln stechen sie durch die dünne Hose in mein Bein. Nach dem Schrecken weicht auch der Schmerz. Zu dritt verbringen wir die nächsten 20 Minuten damit die Kletten aus meiner Hose zu puhlen. Als die Dämmerung beginnt kehren wir um.

In der Mitte unseres Camps steht eine lange Reihe von Tischen und Bänken. Die Kerzen liefern ein warmes Licht. Unsere Köche haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Das Essen steht dem aus den Hotels oder den Restaurants in denen wir bisher gegessen haben in nichts nach. Es gibt Naan und Reis, Dal, verschiedene Currys, duftige Rosenkugeln und noch einiges mehr. B. erzählt mir von ihrem letzten Ausflug in die Wüste Thar. Das Camp sei damals mit einer Mauer umfriedet gewesen und konnte nicht hinaus gehen. Außerdem waren alle schon um acht in ihren Zelten weil es so kalt war. Heute Nacht ist es aber anders, wir sitzen im T-Shirt in dieser schwül warmen Nacht an einer großen Tafel mitten in der Wüste. Wir erzählen, lachen, trinken. Diese Nacht ist magisch. Dazu trägt wohl auch der Rum bei, der die Runde über die Tische macht. Rum. „Regular Universal Medicin“- so sagt man hier. Reine Medizin. In einem Land, in eigentlich keiner Alkohol trinkt, da es in fast jeder der hier ansässigen Religion verpönt ist. Es ist weit nach Mitternacht, als ich in mein Zelt krieche.

Obwohl es warm ist bin ich froh meinen eigenen Schlafsack dabei zu haben. Die Decken dienen mir so als Unterlage auf dem harten Boden. Ich hasse es auf Sandboden zu zelten, verfluche denjenigen, der mein Zelt in einer Senke aufgebaut hat und wünsche mir meine selbstaufblasbare Isomatte mit lebenslanger Garantie eines namhaften amerikanischen Herstellers herbei. Die war leider zu sperrig für das Gepäck. Glücklicherweise habe ich meine Taschenlampe in meiner Tasche im Bus liegen lassen und so sehe ich meinem Zelt auch so gut wie nichts. Ich wälze mich hin und her, auf der Suche nach einer bequemeren Schlafposition. „Ich hab einen Skorpion gesehen!“ höre ich Stimmen von draußen. „Ja, ich habe ihn auch gesehen,“ sagt eine andere und die dritte schließlich, „Macht eure Zelte gut zu!“ Die Stimmen sind allesamt weiblich und ihre Zelte liegen direkt neben meinem. Ein Anflug von Panik kriecht langsam in mein Bewusstsein hoch. Prima! Genau das was ich brauche, einen Skorpion. Meine Taschenlampe ist im Bus. Das Zelt ist offen. Ich beschließe mich zu beruhigen und mir die Dokumentation über Skorpione die ich letztens im Fernsehen gesehen habe wieder in Erinnerung zu rufen. Danach sind die Tiere gar nicht so giftig und die mit tödlichem Gift auch eher selten. Da ich ohne Lampe sowieso nichts sehe, lasse ich das Zelt einfach offen. Sollte ein Skorpion in meinem Zelt sein, hat er dann wenigstens Gelegenheit sich wieder in die Wüste zurück zu ziehen. Hoffe ich wenigstens. Dann schlafe ich ein.

(Originaltext von 2010)

Der Rattentempel

Rattentempel, Deshnoke, Indien 2010
Ich gebe zu das Wort Rattentempel hat mich neugierig gemacht. War doch im Reiseführer von tausenden Ratten die Rede, die einem über die Füße laufen. Welch ein Abenteuer! Als wir am Karni Mata Tempel ankommen, sieht alles ein bisschen nach Jahrmarkt aus. Um den Tempel herum sind kleine Stände gruppiert an denen es allerlei zu essen gibt. Von gebackenen Chilis, die mörderisch scharf sind, bis hin zu frischem Zuckerrohr, das ich nicht probiert habe. Der Tempel selbst ist ein rechteckiger roter Bau, der recht unspektakulär aussieht. Es folgt das übliche Prozedere: Schuhe ausziehen und abgeben, Tempelsocken anziehen. Dann geht es durch die obligatorische Sicherheitskontrolle hinein in das Herz des Tempels. Leder muss übrigens, nicht nur hier sondern auch in verschiedenen anderen Tempeln, ebenfalls draußen bleiben. Ein Kunststoffgürtel leistet da gute Dienste. Im Inneren des Tempels blieb dann die Euphorie aus. Statt Tausender Ratten die einem über die Füße laufen und bei denen man immer eine weiße sucht, die nun besonders viel Glück bringt, sehe ich nur so maximal 50 oder 60 von den Nagern. Die, dann auch nur an den Futterplätzen, friedlich Milch trinken oder in den Metallgittern vor sich hin dösen. Im Gegensatz zu den Ratten die ich von zu Hause her kenne, sind diese eher als niedlich einzustufen. Mehr wie große Mäuse und in keiner Weise aggressiv oder gar gefährlich. Schlimmer ist hingegen der beißende Geruch nach Rattendreck. Der mit Sicherheit nicht jeder-Manns Sache. Für mich persönlich war der Besuch des Tempels dann auch eher skurril als eine spirituelle Erfahrung.

(Originaltext von 2010)

Bikaner, das Tor zur Wüste

Bikaner, Indien 2010
Die Straßen werden sauberer und die Garagen in denen sich die Läden befinden vertrauen-erweckender. Ich schaffe es sogar, an einem Stand neben einer Tankstelle, mit den Mädels Marsala Chai, den indischen Gewürztee, zu trinken, den der Verkäufer frisch in einem alten Kessel zubereitet hat. Nochmal zur Erinnerung. Alter Kessel bedeutet schwarz verkrustet also in einem Zustand in dem ich zu Hause noch nicht ein-mal heiße Maronen draus essen würde. Aber hier geht das. No Problem. Der Chai ist wunderbar. Ein alter Mann, dürr, mit ledriger Haut, weiß gekleidet und mit einem weißen Turban gesellt sich zu uns. Die Kommunikation läuft schleppend. Auch der Kioskverkäufer spricht zu wenig Englisch um dolmetschen zu können. Schließlich verstehe aber doch, dass der Alte wissen will wo wir herkommen. Und mein „Dscheermannie“ versteht er dann sofort. Er lächelt, bietet mir einen Stuhl an, spricht ein paar unverständliche Worte und geht seiner Wege. Ich hätte ihn fragen sollen, ob ich ihn fotografieren darf. Aber ich bin einfach immer noch zu überrascht. Mein erster Kontakt mit einem Einheimischen. Für mich etwas Besonderes, bin ich doch eigentlich eher introvertiert. Ich komme also langsam in diesem Land an.

Die Landschaft wird immer „wüster“. Das Klima wärmer und trockener und auch der Brandgeruch, der mich seit Delhi verfolgt, ist nicht mehr so aufdringlich. Es liegt hier deutlich weniger Müll herum als in Jaipur und Umgebung. Irritierend sind jedoch die großen Müllhaufen, an den Kreuzungen der kleinen Straßen, die in die Dörfer gehen. Aber auch dafür gibt es eine Erklärung. Müllabfuhr so wir sie kennen gibt es hier nicht. Die Bewohner der Dörfer sammeln ihren Müll und bringen ihn an die Landstraße, wo er dann alle paar Wochen abgeholt wird. Das System scheint in meinen Augen noch nicht ganz ausgereift und ich beginne unsere heimische Müllabfuhr langsam mit anderen Augen zu sehen, aber es ist immerhin ein Anfang. Die Landschaft gleitet an mir vorbei. Ich trinke den letzten Schluck Wasser aus meiner Flasche und knülle sie bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Bei mir zu Hause ist das ein absolutes No-Go, wird doch keine so behandelte Flasche in den Pfandautomaten mehr erkannt und man kann sich in langwierigen Verhandlungen mit den Angestellten der Supermärkte wiederfinden, ob die Flasche nun abgenommen wird oder nicht. Hier ist es ein Mittel zum Selbstschutz. Es kommt oft vor, dass Kinder intakte Flaschen mit Leitungswasser auffüllen, den Deckel verkleben und diese dann an Touristen verkaufen. Ich hab, Inder sei dank, wieder was gelernt. Wir kommen in Bikaner, der Stadt am Rande der Wüste, an. Das Hotel ist ein Traum. Es ist dem Stil eines Maharadschapalastes nachempfunden und straft den Eintrag im Reiseführer, wonach man hier eher auf äußeren Glanz Wert legen würde, Lügen. Es gibt eine große Auffahrt mit einem Wächter. Und, man höre und staune, funktionsfähiges Internet. Ich richte mich also ein wenig ein, mache mich frisch und schreibe noch schnell eine E-Mail.Ein wenig abgehetzt komme ich in die Eingangshalle, die man entweder über die steile Treppe oder mit dem verglasten Aufzug betritt. Die Wände sind mit floralen Mustern bemalt. Und zum ersten Mal komme ich mir vor wie in Tausendundeiner Nacht.

Draußen vor dem Hotel warten ein paar Pferdekutschen. Und ein paar Minuten später sitze ich auch schon in einer drin und wir fahren durch die Stadt. Der Abgasgeruch wird wieder stärker. Mittlerweile hab ich aber wohl daran gewöhnt. Es stört mich nicht mehr. Wir stehen im Stau. Und, kaum zu glauben, ich genieße es. Daheim würde ich jetzt fluchen. Hier macht es Spaß. Es ist genug Zeit um sich von der erhöhten Sitzposition in der Kutsche alles in Ruhe anzusehen. Es gibt parkende Autos, parkende Motorräder und parkende Kamele. Das Verkehrsgewühl gleicht einem gordischen Knoten. Mopedfahrer sind deutlich im Vorteil und drängen sich überall durch. Kinder spähen aus den überfüllten Tuc-Tucs und winken. Ich winke zurück. Es ist ein fremdes und zugleich auch ein tolles Gefühl für mich, exotisch zu sein. Trotz des Staus sind die meisten Inder entspannt. Es ist wie es ist. Nämlich alles viel relaxter als bei uns. Irgendwann geht es dann weiter voran. Erst langsam, dann schneller. Mittlerweile dämmert es. Wir erreichen das rote Fort und biegen ab. Entlang den roten Mauern. Wir stoppen um in Ruhe einen Blick auf das Fort zu werfen. In diesem Moment entbrennt vor mir eine wilde Beißerei zwischen drei Hunden. Ich beginne zu begreifen, warum Martin Mosebach die Erzählung seines Aufenthaltes in Bikaner „Stadt der wilden Hunde“ genannt hat. Mir wird auch klar, dass U. recht hatte als sie mir sagte: “Natürlich bin ich gegen Tollwut geimpft. Du hast keine Chance mehr, wenn ein Hund einfach auf dich zu rennt und dich beißt!“ Ich wollte es anfangs nicht recht glauben. Verschiedene Ärzte hatten mir zu Hause von einer Tollwutimpfung abgeraten, weil sie so schlecht verträglich sei. „Wenn sie nicht beruflich mit Tieren zu tun haben brauchen sie die nicht unbedingt.“ Klar, hab ich gedacht, ich bin ja nicht der Typ der jeden herumstreunenden Hund streicheln muss. Und, natürlich hab ich auch einen Hund und ich weiß Körpersprache zu deuten. Hier an der roten Mauer werde ich eines Besseren belehrt. Man braucht nicht viel Eigeninitiative zu zeigen, um zufällig in so eine Beißerei hinein zu geraten. Indien ist weltweit das Land mit den meisten Tollwuterkrankungen. Die Krankheit wird durch streunende Hunde und Vampir-Fledermäuse übertragen. Ich beschließe mich vor der nächsten Indienreise impfen zu lassen.

Es ist inzwischen dunkel geworden. Die Temperaturen sind angenehm. Ich sitze im T-Shirt auf der Dachterrasse des Hotels und warte auf mein Essen. Das Hotel ist das höchste Gebäude in der Umgebung und so kann ich über die Flachdächer der schwach beleuchteten Stadt blicken. Hier und da geht ein Feuerwerk hoch. Mir kommt in den Sinn, dass es bis zur pakistanischen Grenze nur rund 150 Km sind. Die Militärpräsenz in der Umgebung von Bikaner lässt das kaum vergessen. Ich schaue in die Runde. „So könnte es am Vorabend eines Krieges aussehen,“ sage ich, „ die Journalisten warten auf der Hotelterrasse auf den Einschlag der ersten Rakete.“ Die anderen schauen mich in der Erwartung einer Pointe oder eines derben, geschmacklosen Witzes an. Ich schaue schweigend zurück. Dann nicken sie nachdenklich. Vor dem Hotel hört man das Stakkato von Knallfröschen.

(Originaltext von 2010)

Der Hindutempel von Jaipur

Hindutempel in Jaipur, Indien 2010Aufwärmtraining in Sachen indischer Religion
Ich glaube der Hindutempel war so etwas zum Aufwärmen in Sachen indischer Religion. Es dämmert schon als wir dort ankommen. Der Tempel besteht aus weißem Marmor, in traditioneller Bauweise, aber neueren Datums. Und nun kommt gleich mein erster Lernschritt: Schuhe ausziehen. Socken geht (meistens), Schuhe nicht! Wir ziehen also alle unsere Schuhe aus und geben sie an dem kleinen Holzhäuschen neben dem Tempel ab. Turkish Airlines haben mir glücklicherweise auf dem Hinflug, neben einer Schlafbrille auch ein paar Tempelsocken gesponsert. Die kann ich jetzt über meine Tennissocken ziehen. Nun geht es durch eine Sicherheitsschleuse und ich stehe auf dem weißen, sauberen Marmorboden direkt vor dem Tempel. Fotografieren ist von außen erlaubt, im Inneren jedoch verboten. Religion wird hier viel mehr gelebt als bei uns. Die Menschen gehen in den Tempel um zu beten oder zu bitten, aber sie tun es aus freien Stücken und nicht unbedingt weil es für sie eine gesellschaftliche Pflicht ist. Auch sind hier viel mehr junge Leute unterwegs, Kinder, Paare die vielleicht heiraten wollen. Alles sieht hier viel ehrlicher und viel gelebter aus als zu Hause. Authentischer eben. Die Leute sind auch viel fröhlicher wenn sie einen Tempel aufsuchen. Nicht so feierlich wie bei uns. Man könnte auch sagen sie sind positiver. Während ich unserem Kirchen immer das Gefühl habe vom Leid umgeben zu sein, geht es hier viel fröhlicher zu. In Indien wird mit dem Glauben sehr viel pragmatischer umgegangen. Jeder bittet zuerst für sich selbst, dann für seine Familie und es dreht sich in erster Linie um Gesundheit und Wohlstand. Das unterscheidet uns auch grundsätzlich. Gönnen wir uns doch den Luxus, nicht nur für unsere Bedürfnisse zu beten, sondern auch für unseren Nächsten oder gar für den Weltfrieden oder den Umweltschutz. Oder wir gehen eben nur in die Kirche, wenn es uns wirklich schlecht geht und wir keinen Ausweg mehr sehen.

(Originaltext von 2010)

Vorhölle Jaipur

Im Stadverker in Jaipur, Indien 2010
Halsschmerzen. Brennende Halsschmerzen. Ich hab das Gefühl, dass ich nichts mehr sagen kann. Sprachlos. Das Telefon klingelt. Ich hebe den Hörer ab und nuschle so etwas wie O.k. hinein. Es war der Wake-Up Call, der mich nun endgültig geweckt hat. Seit der Muezzin um 4:30 Uhr gerufen hat und die Hunde draußen anfingen dazu zu heulen, habe ich nur noch sporadisch geschlafen. Aus dem Bad dringt Licht. Es kommt aus dem Nachbarzimmer, dass mit meinem über einen Lüftungsschacht verbunden ist. Ich hör Stimmen, Wasserlassen und schließlich die Toilettenspülung. Ich mache das Licht an und schaue auf die kahlen Wände und den Deckenventilator. Auf dem metallenen Kasten der Klimaanlage setzt das scharren von Taubenfüssen ein die unablässig einher schreiten. Ich versuche aus dem Traum aufzuwachen. Leonardo Dicaprio würde etwas von Inception erzählen, Edgar Allen Poe etwas von einem Traum in einem Traum. Ich wache aber nicht auf. Das alles hier, der Raum mit dem kleinen Fenster, dem dicken dunklen Vorhang, davor die Klimaanlage, die mit offenen Drähten an die Steckdose angeschlossen ist, das alles ist Realität. Das Brennen im Hals wird stärker. Ich wühle in meiner Tasche und entdecke noch einen Blister mit Paracetamol. Ich drücke eine der zwei verbliebenen Tabletten her-aus und spüle sie mit etwas Wasser herunter. Bis zum Frühstück ist noch Zeit. Ich lasse die Tablette ihre Wirkung entfalten und denke über den gestrigen Tag nach. War es wirklich eine gute Idee die Reise zu machen? Musste ich mir das geben?

Aber der Reihe nach: Als wir hier in Jaipur ankommen passiert wieder et-was, was so typisch ist für dieses Land. Wir fahren mit dem Bus durch ein Viertel, dass man vielleicht zu Hause als Industriegebiet oder heruntergekommenes Wohngebiet bezeichnen würde. Jedenfalls nicht gerade als ein Viertel in dem man gerne wohnen würde. „Da vorne ist unser Hotel!“ Ich kann es nicht glauben, dass wir hier wohnen sollen. Ich steige aus und wate ein paar Meter über den san-digen Boden durch eine Mauernische hin-durch. Wie durch Zauberhand stehe ich nun auf einem gepflegten Rasen im Innenhof eines Haveli, so nennt man die alten Kaufmannshäuser. Livrierte Hoteldiener servieren einen Welcome-Drink und heiße Tücher. Die Schlüssel werden verteilt und ich finde mein Zimmer direkt oberhalb eines kleinen Pools. Das Zimmer selbst ist dunkel. Fenster scheinen in Indien nicht im Trend zu liegen. Ich mache das Licht an. Die Betten sind bequem und das Zimmer ist sauber. Ich schlafe ein paar Stunden. Als ich aufwache ist es bereits dunkel. Zeit für das Abendessen. Wir essen alle zusammen im Restaurant des Hotels. Ich erkundige mich nebenbei, ob es hier irgendwo ein Internetcafe gibt, damit ich ein Lebenszeichen von mir nach Hause schicken kann. „Wir haben heute Mittag eins gesehen, irgendwo die Straße hoch in Richtung der roten Stadt.“ Ich ärgere mich ein wenig, dass ich den Nachmittag verschlafen habe statt bei Tageslicht hinaus zu gehen. Aber das ist jetzt nicht zu ändern. Mein Hals fängt langsam an weh zu tun. Die Klimaanlagen der Flughäfen und die nicht auskurierte Erkältung verrichten ihr Werk.

Ich gehe hinaus. Ich traue mich. Überall auf der Welt kommunizieren die Menschen via Internet in Internetcafés. Es kann also nicht so schwer sein hier eines aufzutreiben. Ich stehe auf der Straße und versuche mich zu orientieren. Jenseits der Straßenlampe unter der ich stehe breitet sich Dunkelheit aus. Ich suche mir eine Richtung aus uns laufe los. Licht gibt es nur von den Autos die hupend vorbeifahren. Und von den Geschäften auf der anderen Straßenseite, also von den nun beleuchteten Garagen (ich erwähnte ja schon den für Europäer etwas seltsam pragmatischen Baustil), die gefüllt sind mit allen möglichen Dingen die man kaufen kann. Aber das sehe im Moment nicht. Um mich herum wuseln dunkle Menschen deren Konturen ich kaum ausmachen kann. Ab und zu blitzt das Weiß der Augen oder der Zähne hervor. Ich sehe nicht auf was ich am Boden so alles trete. Und seit Indianer Jones im Tempel des Todes war, hab ich natürlich so eine Ahnung was das alles sein könnte. Unbeleuchtete Rikschafahrer, Motorradfahrer und Tuc-Tucs weichen mir aus, ich weich ihnen aus. Hinein in eine Menge von Menschen. Panik macht sich bei mir breit. Ich drehe um und versuche zum Hotel zurück zukehren. So schlimm kann es nicht sein. Ich bin ja immer geradeaus gegangen. Ich brauche nur zurück zu gehen. Wieder ausweichen vor Dingen die ich nur schemenhaft erkennen kann. Und über allem liegt dieser eigenartige Geruch. Ich glaube der macht mich am meisten fertig. Eine Mischung aus Autoabgasen, verbranntem Holz und Plastik. Und? Und Räucherstäbchen! Das ist der Moment in dem mir das Wort Vorhölle durch den Kopf schießt. Die Vorhölle so sieht sie aus. Alles um einen herum ist fremd und sieht anders aus. Man spricht die Sprache nicht. Man versteht keinen. Man wird nicht verstanden. Und vor allem findet man das Hotel nicht mehr. Verdammt so weit bin ich doch gar nicht gelaufen. Es muss hier irgendwo sein. Irgendwo zwischen den Mauernischen. Es kann gar nicht weg sein. Auf gerader Strecke kann man sich nicht verlaufen. Ich sehe den Bus. Den guten Tata-Bus mit den Blattfedern und den Sitzlehnen die auf den holprigen Straßen immer nach hinten klappen. Und da ist auch die Mauernische. Der Eintritt ins Paradies.

Ich beschließe es heute Abend bei einer SMS zu belassen. Handys funktionieren hier problemlos. Ich muss nicht nachts irgendwo herumlaufen. Ich gehe auf mein Zimmer und schreibe die SMS, die sehr nach Heimweh klingt und versuche zu schlafen. Verdammtes Halsweh. Beim Frühstück ist die Welt dann wieder fast in Ordnung. Das Schmerzmittel tut seine Wirkung und ich bekomme den Tip keine kalten Getränke mehr zu trinken. Viel später, fast am Ende der Reise bekomme ich dann auch noch die Einsicht, dass ich als fast zwei Meter großer Weißer, der sich grimmig an seiner Kamera festhaltend, seinen Weg durch das Chaos bahnt, ein ebenso beunruhigendes Bild für die Inder abgegeben haben muss, die schließlich nur ihrem normalen Tagwerk nachgingen. Ich muss lachen.

(Originaltext von 2010)