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Phaths Visionen

SchuleUnterricht in dem kleinen kambodschanischen Dorf Prasat.
Phath May und seine Vision Es dämmert schon als wir in Prasat ankommen. Wir haben lange nach einem Schreibwarengeschäft gesucht um Hefte und Stifte für die Kinder der örtlichen Schule zu kaufen. Der Besuch ist für den nächsten Tag geplant. Unser Reiseveranstalter unterstützt die Schule mit 2 Englischlehrern. Einer wird von dem Unternehmen direkt bezahlt, der zweite wird aus Spenden der Reisenden finanziert. Wir verlassen den Ort in Richtung Süden und halten schließlich an einer Brücke an. Etwas abseits der Brücke liegt ein flaches Boot für uns bereit. Wir fahren flussaufwärts während uns die Dunkelheit umfängt. Es ist das Eintauchen in eine andere Welt. Es ist als würde man alles hinter sich lassen. Nach einer halben Stunde drosselt unser Fährmann die Geschwindigkeit und steuert einen hellen Punkt am Ufer an. Er setzt das flache Boot knirschend auf den Strand. Wir verlassen das Boot und stehen in einem Halbrund traditioneller Khmer-Hütten. Jede einzelne mit bequemen Matten und hellen Vorhängen hergerichtet. Eine Einladung an uns. Es dauert eine Weile bis wir uns von dem berauschenden Augenblick losreißen können. Ein Mann in den Vierzigern, mit einem gewinnenden Lächeln begrüßt uns in fast akzentfreiem Deutsch. Es ist Phath May der lokale Manager von World Insight. Er ist ein Mann mit Visionen wie wir bald feststellen werden. Doch zunächst steigen wir über eine Leiter in eine höher gelegene Hütte und lassen uns mit einem „Welcome Beer“ in die Rattanstühle fallen. Path Ist der perfekte Gastgeber. Er ist eigens aus Phnom Penh gekommen um uns zu begrüßen. Wir sind die erste Gruppe die im Hüttendorf von World Insight übernachtet. Eigentlich sollten wir im nahe gelegenen Kloster übernachten, allerdings ist dies während der buddhistischen Rituale, die dort abgehalten werden nicht immer möglich. Viele Gäste stören sich aber auch an den Gesängen der Mönche, die ab 2 Uhr morgens über die blechernen Lautsprecher gesendet werden. Und die sanitären Anlagen sollen auch nicht so toll sein. Prat hatte deshalb die Idee mit dem Hüttendorf. „Ich möchte euch ein Stück von dem alten, dem traditionellen, Kambodscha zeigen, wenn auch mit deutschem Standard.“ Auch wenn noch nicht alles hundertprozentig funktioniert bin ich beeindruckt. Die ersten Gäste sollten ja auch erst im nächsten Jahr kommen. Das Wasser in der Dusche ist herrlich und ich bin froh den Staub der uns den ganzen Tag begleitet hat endlich abwaschen zu können. Statt Handtücher gibt es Kramas, die traditionellen Khmer-Tücher, die man wirklich zu allem verwenden kann. Nach dem ich mich umgezogen habe treffe ich alle wieder in der Gemeinschaftshütte zum gemeinsamen Abendessen und Prat erzählt uns etwas mehr über sich und seine Visionen. Phath ist Mitte 40. Er stammt hier aus Prasat und war ursprünglich ein einfacher Reisbauer. Er hat in Kambodscha so ziemlich alles erlebt beziehungsweise überlebt, was man erleben kann. Die Bombardements der Amerikaner, das Pol Pot Regime und schließlich den Kommunismus. Zu Zeiten des Kommunismus war es auch als er mit einer Delegation in die DDR gereist. Natürlich hatte man den jungen Leuten vorher Sprachunterricht gegeben. Der wichtigste Satz den man ihnen beibrachte war für Schwierigkeiten bestimmt: „Bringen Sie mich zu meiner Botschaft!“ Path fliegt über Russland in die DDR. Als das Flugzeug unerwartet zwischenlanden muss und die Delegation vorrübergehend in einem Hotel untergebracht wird kann Phath den für seine Verhältnisse unglaublichen Luxus kaum fassen. Das Frühstück am nächsten Morgen versuch er vehement abzulehnen weil er glaubt es selbst bezahlen zu müssen. In seiner Angst stammelt er nur das Wort „Botschaft“, dass daraufhin zum geflügelten Wort wird. Als die Delegation das verschneite Ostberlin erreicht toben die Jungen und Mädchen in kurzärmligen Hemden und barfuß durch den Schnee. Es ist der erste Schnee den sie in ihrem Leben zu sehen bekommen. Als die verzweifelten Betreuer versuchen ihre kambodschanischen Besucher in das warme Flughafengebäude zu bekommen, heißt es auch erst mal wieder „Botschaft“! Als die jungen Leute sich eingelebt haben und etwas mehr deutsch sprechen wird „Botschaft“ schließlich zu einem „Running Gag“. Das zweite Wort das für Phath sehr wichtig wird ist das Wort Breuler, weil er so gerne und bei jeder Gelegenheit Brathähnchen isst. Unter dem Einfluss des Kulturschocks schreibt er schließlich einen 200 Seiten langen Brief an seine Mutter. Da sie Analphabetin ist muss ihr jemand aus ihrem Dorf den Brief vorlesen. Die nächsten fünf Tage sitzt dann das ganze Dorf beisammen und lauscht den wundersamen Geschichten aus dem fernen Berlin. Mittlerweile sind Phaths Träume wahr geworden. Sein Arbeitgeber hat eine Patenschaft für zwei Englischlehrer übernommen und sein zweites Projekt, ein Feriendorf für Touristen, nach kambodschanischem Vorbild „aber mit deutschem Standard“ steht unmittelbar vor dem Abschluss. Das kleine Feriendorf kann es sehr gut mit einem deutschen Campingplatz aufnehmen. Allerdings verstehen viele der Dorfbewohner nicht warum Menschen aus dem Westen, die so unendlich reich sind, ausgerechnet hier in einer einfachen Hütte übernachten wollen. Wir fühlen uns hier jedenfalls wohl. Das Hüttendorf wird von einer Familie aus der Nachbarschaft bewirtschaftet. Das ist Essen ist wunderbar. Es gibt Schlangenkopffisch mit Reis, dunkler Fischsoße und einem Salat aus grüner Papaya. Zu trinken gibt es Wasser oder natürlich das obligatorische Angkor-Beer. Phath muss bald aufbrechen, in Phnom Penh wartet noch Arbeit auf ihn. Und auch ich ziehe mich zum Schlafen zurück. Für einen deutschen Städter mag die Nacht etwas laut und unruhig erscheinen mit dem gelegentlichen Gebell der Hunde und dem Zirpen der Zikaden. Ich, der ich diese Geräuschkulisse von den Sommernächten auf der schwäbischen Alb gewohnt bin, schlafe zufrieden ein. Ein einziges Mal werde ich wach. Es ist so gegen 3 Uhr als die Stille so vollumfänglich ist, dass man keinen einzigen Laut mehr hört. Dann erwache erst ich wieder in der Dämmerung als die Gesänge des Klosters sich mit meinen Träumen vermischen.