So-froehlich photography

Discover the world

Von (h)eiligen Kühen

Heilige Kühe in Jojawa, Indien 2010
Jaisalmer. Irgendwann gegen Mittag. Wir haben frei. Keine Besichtigung, kein Transfer, Urlaub!. Ich streife durch die Stadt. R. und ein paar andere aus unserer Gruppe sind hinter mir. Ich gehe durch eine enge Gasse. Vor mir stehen zwei Kühe. Ich hab keine direkte Angst vor Kühen. Ich wohne ja mittlerweile so weit auf dem Land, dass ich mich an die Tiere gewöhnt habe. Und auf der bisherigen Reise waren die Kühe auch immer friedlich. Respekt hab ich aber dennoch. Also springe links auf einen etwa 60 cm hohen Sims, laufe an den Kühen vorbei und springe wieder hinunter auf den Gehweg. Als ich mich umdrehe sehe gerade noch wie eines der beiden Tiere, aufgescheucht durch wohlmeinende Anwohner, den Kopf senkt, den massigen Körper wendet und die fassungslos dreinschauende R. mit einem gewaltigen Stoß zu Boden schleudert. Dann das Chaos: Rufen, rennen, herbei holen. Wir setzen R. auf den Sims. Froh, dass sie sich überhaupt bewegt. Froh, dass sie ansprechbar ist. Die Kuh hat inzwischen das Weite gesucht. Anwohner bringen Wasser zum Kühlen und eine undefinierbare Flüssigkeit zum desinfizieren. Krankenwagen geht mir durch den Kopf. Aber dann sehe ich mich um, selbst wenn ich irgendwie eine Notrufnummer auf meinem Handy, das ohnehin im Hotel lag, hätte wählen können, weiß ich ja noch nicht einmal wo wir sind. Geschweige denn hätte ein Krankenwagen, so es denn hier welche gibt (ich habe auf der Reise höchstens zwei gesehen), überhaupt durch die enge Gasse gepasst. The Indian Way. Unser Reiseleiter bringt R., die sich mittlerweile wieder berappelt hat, mit einem Tuc-Tuc ins Krankenhaus. Das Ergebnis diese Intermezzos sind ein gebrochener Arm und eine genähte Platzwunde am Kopf. Mir wird schlagartig klar, dass es tatsächlich noch so etwas wie Abenteuer gibt. Dinge die sich der eigenen Kontrolle entziehen. In meiner versicherten Welt, aus der ich ja sonst nur durch die Mattscheibe des Fernsehers hinaus schaue gibt es so etwas nicht.

Überall auf unserer Fahrt, mit Ausnahme von Delhi, wo Kühe nicht in das moderne Straßenbild passen, sehe ich die Tiere auf Straßen und Wegen stehen oder liegen oder herum laufen oder sonst irgendwas machen. Zu Hause hab ich das nie hinterfragt, weiß ich doch, dass Kühe in Indien heilig sind und folglich auch überall präsent sein müssen. Als ich aber die schiere Menge an Kühe sehe, frage ich mich doch wo die eigentlich herkommen. Wild sehen sie nicht aus, aber gehören scheinen sie auch niemandem. Ich frage also unseren Reiseleiter: „Hey, Inder wem gehören jetzt eigentlich die ganzen Kühe die hier rumstehen?“ Die Antwort ist einfach: „Niemandem.“ Es ist zwar so, dass die Kühe den gläubigen Hindus heilig sind. Bei den gläubigen Jains sind es sogar alle Tiere, wes-halb manche von ihnen auch mit einem Tuch vor dem Mund herumlaufen um keine Mücken zu verschlucken. Aber kümmern tut sich niemand um die Tiere. Kühe und auch Büffel liefern den Familien Milch. Solange sie das tun ist auch alles in Ordnung. Geben sie jedoch keine Milch mehr, ist das Futter für sie schlichtweg Verschwendung und die Tiere landen auf der Straße. Das ist wieder einmal etwas was ich schlecht nachvollziehen kann. Man tötet und isst keine Tiere aus religiösen Gründen, kümmert sich aber auch nicht um sie. Die Tiere ernähren sich vom Kompost den die Inder ihnen vor die Tür legen und natürlich von überall umher liegenden Plastikmüll. Ob Organisationen die die Tiere dahingehend operieren, dass diese permanent Milch geben, auf Dauer etwas daran ändern können wird sich zeigen. Bis dahin bleibt es wie es ist.

Die Kühe sorgen für Lokalkolorit. Sie liegen bevorzugt auf dem Mittelstreifen der Straßen, weil die Autoabgase die Fliegen im Zaum halten. Eine weitere Frage die mich nun beschäftigt war, wie das jetzt ist, wenn man nun doch einmal zu spät bremst. Nicht angesichts unseres Fahrers, der immer bemüht ist den Tata-Bus im Zaum zu halten, um schlechtes Karma von uns abzuwenden. Aber oft waren es nur Zentimeter, die die Kuh vom Nirwana und ihrer Reinkarnation trennten. In Indien ist es so, dass dem Fahrer eine Geldbuße droht und natürlich braucht er einen Priester, der für ihn Gebete spricht, damit er im nächsten Leben kein schlechtes Karma hat. Wer will schon als Kuh wieder geboren werden. In Nepal dagegen hat der Fahrer mit Gefängnis zu rechnen. Was mich von Plänen Indien oder Nepal doch irgendwann einmal mit dem Motorrad zu durchqueren Abstand nehmen lässt.

(Originaltext von 2010)