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Moti Mahal - Der Perlenpalast

Moti Mahal, Jaisalmer, Indien 2010
Es ist Nachmittag und ich hab so gar keine Lust mehr auf Havelis. Klar sind sie schön anzuschauen. Aber sich mit der ganzen Reise-gruppe und den anderen Touristen durch die engen Räume und Höfe zu schieben ist nun nicht mein Fall. Du gehst rein, guckst dich um und gehst wieder raus. Ich hab versucht draußen zu bleiben und ein wenig Ruhe auf einer Bank zu suchen. Aber vergeblich. Binnen Sekunden war ich umringt von Bettlern, Schuhputzern und Marionettenverkäufern. Da hilft nur noch eines: Immer in Bewegung bleiben. Und natürlich ein heißer Chai. Danach ist mir auch jetzt zumute, als F. aufgeregt in seinem Reiseführer blättert und auf ein Haveli auf der anderen Straßenseite zeigt. Mir schwant böses. „Das ist der Haveli des Premierministers von Jaisalmer“ sagt er. „Den hatte ich mir aus meinem Reiseführer heraus gesucht, weil ich ihn unbedingt sehen wollte.“ Ich denke mir ein langgezogenes Okay, werfe noch einen Blick auf das Rooftop Restaurant gegenüber und verabschiede mich innerlich von meinem Chai.

Wir stapfen die Treppen zu Eingang hoch. Auf einem Schild stehen die Öffnungszeiten und der Eintrittspreis von 40 Rupien. F. liest mir noch einmal den Text aus seinem Führer vor und ich verstehe nicht ganz warum das nun nur was für erfahrene Indienreisende mit viel Zeit sein soll. I. u. M. sind auch mit dabei. Und so betreten wir zu viert den geheimnisvollen Haveli. Ein Mann kassiert die Eintrittsgelder. F. zahlt für mich mit, weil ich mal wieder kein Kleingeld habe, eine Krankheit in diesem Land. Man schickt uns eine enge Treppe hoch und nachdem ich mir mal wieder den Kopf an dem für mich viel zu kleinen Türsturz gestoßen hab stehen wir auf einer Dachterrasse. Wir schauen uns um. Nach einiger Zeit kommt der Kassierer von unten hoch begrüßt uns und fragt ob wir auch genügend Zeit mitgebracht haben. Sein Englisch mit dem indischen Akzent hört sich genauso gut an wie mein Englisch mit dem deutschen Akzent und wir verstehen uns auf Anhieb. Im Geiste fange ich schon mal an zu überschlagen, wie viel Trinkgeld am Ende fällig wird und überlege ob die beiden Frauen in unserer Begleitung vielleicht noch etwas mehr zahlen werden. Das sind Gedanken, die ich mir zu Hause nicht mache. Aber hier in Indien spielt Trinkgeld eine große Rolle. Und mir ist oft nicht ganz klar, wann die Leute nur nett zu einem sein wollen, wenn sie einem etwas zeigen und wann sie ein Trinkgeld dafür erwarten. Mit der Zeit hab ich jedoch festgestellt, dass man hier, anders als bei uns, mit Geld niemanden beleidigen kann. Das ist ein recht pragmatischer Ansatz, wenn man morgens noch nicht weiß, ob man abends etwas zu essen bekommt. Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, ist unser Führer nun richtig in Fahrt gekommen und erklärt uns neben der Bauweise des Gebäudes auch den Recyclinggedanken, der hier schon vor rund 300 Jahren auf kam. Die Wasserknappheit in dieser Wüstenregion hat schon immer dazu geführt, dass die Bevölkerung sorgsam mit ihren Ressourcen umgehen musste.

Die Frauen beispielsweise duschten nur einmal im Monat, wenn sie ihre Tage bekamen. Ansonsten wurde der Körpergeruch nur mit Parfüm bzw. hier mit ätherischen Ölen überdeckt. Interessanterweise erfahre ich auch gleich den praktischen Nutzen dieser für uns heutzutage vielleicht befremdlichen Vorgehensweise. Die Frauen rieben sich zunächst mit einer Mischung aus Sand und Wasser ein. Heute würde man Matsch dazu sagen. Die Masse diente gleichermaßen als Peeling. Geduscht wurde auf einer der oberen Terrassen des Hauses. Das dazu benötigte Wasser dazu kam aus einer Zisterne durch eine steinerne Rinne. Der Sand wusch Dreck und Parfüm von der Haut und wurde in dem flachen Duschbecken aufgefangen. Das Wasser, das durch den Sand gleichzeitig filtriert wurde, fing man ein Stockwerk tiefer wieder auf um es zum Putzen zu benutzen. Anschließend diente es noch als Klospülung. Der Sand aus der Dusche, der mittlerweile mit dem herunter gewaschenen Parfumöl versetzt war wurde in die Latrinen geworfen, was auch dort für einen angenehmen Geruch sorgen sollte. Ich erfahre auch einiges über den Aufbau des Hauses. Die Balken sind mit Senföl imprägniert, welches brandhemmend wirkt, Schädlinge vertreibt und das Verrotten des Holzes verhindert. Alles scheint in diesem Haus einen Nutzen zu haben. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Decken sind mit einer Mischung aus Schlamm, Ghee (ind. Butterschmalz) und Kuhdung gefüllt. Die Füllung isoliert im Winter gegen Kälte und im Sommer gegen die Hitze. Außerdem bietet die Hohldecke einen wirksamen Schutz gegen den Einsturz bei Erdbeben.

Der Perlenpalast wurde im Baukastenprinzip gebaut. Die Steine wurden, da Mörtel aufgrund des knappen Wassers nicht zur Verfügung stand, mit einem Nut- und Federsystem ähnlich dem von Legosteinen ( „Do you know Lego, the toy stones. L-E-G-O?“, „ Yes, we know!“), zusammengefügt und mit Metallringen arretiert. Die steinernen Rosetten der Außenfassade konnten über einen Bajonettverschluss angebracht werden und einmal im Jahr wurden spezielle Rosetten zu einem Fest angebracht, die dem Haveli den Namen Moti Mahal- Der Perlenpalast einbrachte. Das ehrgeizige Unterfangen Premiermister Singhs , den Haveli mit einer rund 300m langen Brücke mit dem Palast des Maharadschas zu verbinden, wurde jedoch vom Maharadscha selbst unterbunden. Mit der Anweisung, dass kein Haus mehr als neun Stockwerke hab darf, musste der Perlenpalast wieder um 2 Stockwerke, Baukasten sei dank, zurück gebaut werden. Die Informationen fließen und mir schwirrt langsam der Kopf.

Wir kommen in einen kleinen Raum in dem man Andenken kaufen kann. Es gibt kleine Tiere aus filigranem Gitterwerk, die duftende Baumwolle aufnehmen. Öllampen in allen Variationen und noch einiges mehr. Die Preise sind nicht übertrieben. Gefeilscht wird nicht. Die Einnahmen dienen zur Erhaltung des Havelis. Spät ist es geworden, draußen geht langsam die Sonne unter. Die Frauen in unserer Begleitung möchten vor dem Essen noch ins Hotel. Alles kein Problem, sagt unser Führer, sein Bruder hätte ein Tuc-Tuc. Und er ruft ihn an und ein paar Minuten später steht dieser auch schon unten. Unsere Führung dauert jetzt mittlerweile schon gute ein einhalb Stunden und ich bin gespannt wie es weitergeht. Schließlich gibt in diesem Raum noch eine weitere Treppe. Ich denke noch „allzu lang kann ja jetzt nicht mehr dauern“, aber ich sollte mich irren. Wir steigen die Treppe hoch in den Tanzraum. Tanzsaal wäre zwar das schönere Wort, aber dazu ist der Raum zu klein. Dafür ist er über und über mit Spiegeln bestückt und von der Decke hängen bunte gläserne Kugeln. In den Glaskugeln sollen ursprünglich Diamanten für die Lichtbrechung gesorgt haben, so dass in Verbindung mit den vielen Spiegeln an den Wänden und kleinen Öllampen eine Maharadscha Disco entstand. Hier konnte sich der Premierminister entspannen. Im Kreise von Tänzerinnen und Musikern oder auch nur um dem in dieser Gegend luxuriösen Wasserspiel zu lauschen. Wie auch in unseren Schlössern und Museen kann man den ursprünglichen Zustand nur erahnen. Aber es muss wunderschön gewesen sein. Mit einem freundlichen „Mind your head“ an mich, wegen der kleinen Türstürze, geht es nun eine Treppe hinunter. Ich verbeuge mich gezwungenermaßen in Ehrfurcht und betrete einen Raum der wohl ehemals auch sehr luxuriös eingerichtet war. Mit acht Spiegeln an den Wänden und davor jeweils ein kleines Becken. Das Badezimmer der Frauen. Sieben Plätze für die sieben Frauen des Premiers und ein Platz für die Tänzerin um sich auf den Abend vorzubereiten.

Wieder stehen hier ein paar Souvenirs herum und zwei weiße Monobloc Stühle. Unser Führer bittet uns Platz zu nehmen. Und beginnt mit einer Verkaufsvorführung für Parfümöle. Ich hatte es ja die ganze Zeit geahnt, die Sache hier hat einen Haken. Doch zu meiner Überraschung setzt F. sich hin und hört interessiert zu. Ich frag noch mal ob er auch richtig verstanden hat. Es geht hier um Parfüm. Und nicht nur das, sondern um Öle. Also stark riechende Ursubstanzen. Also nicht das was Mann so trägt. F. eröffnet mir, dass er noch Mitbringsel für seine Mutter und seine Sekretärinnen braucht. Das ändert die Sache natürlich schlagartig. Zu zweit sitzen wir auf unseren Monobloc Stühlen und probieren Düfte und Flacons nach Herzenslust aus. Dabei kommen wir dann auch mit unserem Führer ins Gespräch. F. fragt ihn ob er denn mit dem Premierminister verwand sei. „Ja,“ sagt er. Er ist der Ur, Ur, Ur, Ur-Großenkel des Ministers und das Haveli gehöre ihm. Es ist kein leichtes Erbe, denn der Erhalt des Hauses verschlinge viel Geld. Im Schnitt gibt es alle zwei Jahre ein Erdbeben und beschädigt den Palast. Und mehr als 8 Gruppen pro Tag kann er auch nicht durch die schmalen Räume und Treppenhäuser führen. Große Gruppen schon gar nicht. In diesem Moment kommt seine Frau mit Einkäufen herein. Sie öffnet die hölzernen Balkonläden. Draußen ist es bereits dunkel. Mein Blick fällt auf den Balkon auf dem die Frau die Einkäufe verstaut und auf eine Tüte mit Kinderspielzeug. Mir wird bewusst, dass in diesem Museum auch eine Familie wohnt. Dass es ihr zu Hause ist. Als wir wenig später wieder in der Eingangshalle des Hauses sind hat liegt der Schwager unseres Führers auf einer Matratze vor einem Fernseher, die Küche ist mit einem Vorhang abgetrennt, von hinten hört man die Kinder. Die ganze Szenerie wirkt ärmlich, von Romantik keine Spur. Jeder sucht hier einfach nach seinem Auskommen und nach seinem Platz im Leben. F. und ich tragen uns noch ins Gästebuch ein und geben das Versprechen allen Menschen die wir kennen und die nach Indien fahren vom Moti Mahal dem Perlenpalast zu erzählen und sie zu ihm zu schicken. Es ist spät und ich habe Hunger. Wir müssen uns beeilen, denn wir sind mit den anderen zum Abendessen im Restaurant verabredet. Unsere Führung hat drei Stunden gedauert.

(Originaltext von 2010)