So-froehlich photography

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Die Wüste lebt

Kamelsafari in die Wüste Thar, Indien 2010
Die Landschaft durch die wir fahren, wird zunehmend gelber und staubiger. Die Wüste Thar ist keine reine Sandwüste. Fast überall sieht man grüne Hennasträucher und andere Wüstenpflanzen. Das Wetter ist angenehm warm, fast ein wenig schwül. Es hat zwischen-durch auch immer wieder geregnet. Der Himmel ist bedeckt. Ein helles, diffuses Licht dringt durch den Dunst. Der Dunst ist überhaupt etwas, was uns hier ständig begleitet. Ich hatte eigentlich mehr blauen Himmel erwartet. Auch außerhalb der Städte, in denen der Dunst eher vom Smog der Abgase herrührt, ist der Himmel nur selten zu sehen. Mitten auf der Landstraße halten wir an. Auf dem Seitenstreifen stehen einige Männer mit ihren Kamelen. Das ist der Auftakt zu unserer Kamelsafari. Das Gepäck, nur das Nötigste für ei-ne Nacht, wird auf einem Kamelkarren verstaut. Dann setze ich mich in den harten Sattel eines der Tiere. Kamele machen auf mich immer einen etwas unbeholfenen Eindruck. So als wenn sie irgendwann doch über ihre eigenen Füße stolpern. Ich stecke meine Füße in die Steigbügel, beuge mich nach vorne und los geht´s. Im Bruchteil einer Sekunde befinde ich mich in luftigen zwei Metern Höhe. Runter geht es genauso schnell wenn man sich nicht festhält. Also aufpassen. Ein Kamel ist so ganz anders als ein Elefant, auf dem man faul auf einem Kissen liegen kann. Hier sitzt man auf einem harten Hocker und muss versuchen, das Gleichgewicht zu halten.

Wir reiten los. Und es ist ganz anders als auf einem Pferd zu reiten. Das hat mir als Kind schon nicht so viel Spaß gemacht. Aber Kamelreiten ist chillig. Die Tiere bewegen sich langsam und ich habe Zeit mich dem Rhythmus anzupassen. Nach ein paar hundert Metern durchqueren wir ein Dorf. Die Menschen winken und die Kinder jubeln uns von ihrem Klassenzimmer aus zu. Irgendwie klingt hier alles echter und herzlicher als zu Hause. Jedenfalls nicht so, wie wenn ich eine japanische Touristengruppe durch Stuttgart ziehen sehe. Ich bin dann allenfalls genervt, weil da mitten im Weg eine Menge Menschen fotografierend in der Gegend herum stehen. Hier ist es anders. Für die Menschen hier scheinen wir tatsächlich eine willkommene Abwechslung von ihrem Alltag zu sein. Aber nicht allen. Manche Männer sehen mürrisch drein, wenn ihre Frauen uns zu winken. Und manche Frauen verstecken ihr Gesicht hinter ihrem Schleier. Hinter dem Dorf wird das Land offener. Der Sand ist von schmutzig gelber Farbe aber überall wachsen spärliche grüne Pflanzen. Zeitweise werden unsere Pfade auch von Erdnussfeldern gesäumt. Ich genieße das Geschaukel auf diesem großen Tier und stelle mir vor, dass Lawrence von Arabien an gleicher Stelle mit seiner Einheit durch die Wüste zog. O.k. damals war er noch Thomas Edward Lawrance. (An dieser Stelle irrt unser geschätzter Autor und gleitet in das Reich der Mythen ab. In den einschlägigen Reiseführern wird wohl immer darauf hingewiesen, dass das Kamelkorps, das T.E. Lawerence gegen die Türken unterstützte hier stationiert war. Jedoch finden sich in seiner eigenen Biographie keine Hinweise auf einen Aufenthalt in Indien.)

Nach etwa zwei Stunden zieht unsere Karawane eine Düne hoch und wir haben unser Camp für diese Nacht erreicht. Unsere Zelte stehen in zwei Reihen gegenüber und etwas abseits befindet sich ein einfaches Wirtschaftsgebäude. Wieder nach vorne lehnen und abwarten bis der Führer das Kamel zum Abliegen bringt. Absteigen. Taumeln. Der Sand ist weich und gelb. Wenn ich nicht wüsste, dass ich hier in der Wüste bin, könnte ich mir hinter der Düne dort hinten auch das Meer vorstellen. Die Zelte werden verteilt. Danach gibt es Gelegenheit sich zu waschen. Die Toiletten befinden sich übrigens in kleinen schmalen Zelten, die in etwa so aussehen wie Umkleidekabinen. In diesen Zelten befindet sich nun ein Klapphocker mit einer Toilettenbrille statt einer Sitzfläche. Unter dem Hocker befindet sich ein einfaches Loch im Sand. Man verrichtet sein Geschäft und scharrt danach einfach etwas mit dem Fuß in das Loch. Fertig. Eine einfache und geniale Vorrichtung. Allerdings sollte man sich hüten, die Beine des Hockers zu nahe an den Rand der Grube zu bringen. Wenn man genug Gewicht auf die Waage bringt, besteht die Gefahr, dass der Hocker langsam aber unerbittlich in dem Loch versinkt. Und wer will sich schon gern aus so einer Lage von seinen Mitreisenden befreien lassen. Bis zum Essen ist noch Zeit und ich spaziere mit einigen anderen auf den Dünen umher. Ich berühre einen Busch, dann nur noch Schmerzen. Ich sehe an meinem Bein herunter und stelle fest, dass auf sich auf meiner Hose dutzende gelber Kletten verhakt haben. Wie Stecknadeln stechen sie durch die dünne Hose in mein Bein. Nach dem Schrecken weicht auch der Schmerz. Zu dritt verbringen wir die nächsten 20 Minuten damit die Kletten aus meiner Hose zu puhlen. Als die Dämmerung beginnt kehren wir um.

In der Mitte unseres Camps steht eine lange Reihe von Tischen und Bänken. Die Kerzen liefern ein warmes Licht. Unsere Köche haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Das Essen steht dem aus den Hotels oder den Restaurants in denen wir bisher gegessen haben in nichts nach. Es gibt Naan und Reis, Dal, verschiedene Currys, duftige Rosenkugeln und noch einiges mehr. B. erzählt mir von ihrem letzten Ausflug in die Wüste Thar. Das Camp sei damals mit einer Mauer umfriedet gewesen und konnte nicht hinaus gehen. Außerdem waren alle schon um acht in ihren Zelten weil es so kalt war. Heute Nacht ist es aber anders, wir sitzen im T-Shirt in dieser schwül warmen Nacht an einer großen Tafel mitten in der Wüste. Wir erzählen, lachen, trinken. Diese Nacht ist magisch. Dazu trägt wohl auch der Rum bei, der die Runde über die Tische macht. Rum. „Regular Universal Medicin“- so sagt man hier. Reine Medizin. In einem Land, in eigentlich keiner Alkohol trinkt, da es in fast jeder der hier ansässigen Religion verpönt ist. Es ist weit nach Mitternacht, als ich in mein Zelt krieche.

Obwohl es warm ist bin ich froh meinen eigenen Schlafsack dabei zu haben. Die Decken dienen mir so als Unterlage auf dem harten Boden. Ich hasse es auf Sandboden zu zelten, verfluche denjenigen, der mein Zelt in einer Senke aufgebaut hat und wünsche mir meine selbstaufblasbare Isomatte mit lebenslanger Garantie eines namhaften amerikanischen Herstellers herbei. Die war leider zu sperrig für das Gepäck. Glücklicherweise habe ich meine Taschenlampe in meiner Tasche im Bus liegen lassen und so sehe ich meinem Zelt auch so gut wie nichts. Ich wälze mich hin und her, auf der Suche nach einer bequemeren Schlafposition. „Ich hab einen Skorpion gesehen!“ höre ich Stimmen von draußen. „Ja, ich habe ihn auch gesehen,“ sagt eine andere und die dritte schließlich, „Macht eure Zelte gut zu!“ Die Stimmen sind allesamt weiblich und ihre Zelte liegen direkt neben meinem. Ein Anflug von Panik kriecht langsam in mein Bewusstsein hoch. Prima! Genau das was ich brauche, einen Skorpion. Meine Taschenlampe ist im Bus. Das Zelt ist offen. Ich beschließe mich zu beruhigen und mir die Dokumentation über Skorpione die ich letztens im Fernsehen gesehen habe wieder in Erinnerung zu rufen. Danach sind die Tiere gar nicht so giftig und die mit tödlichem Gift auch eher selten. Da ich ohne Lampe sowieso nichts sehe, lasse ich das Zelt einfach offen. Sollte ein Skorpion in meinem Zelt sein, hat er dann wenigstens Gelegenheit sich wieder in die Wüste zurück zu ziehen. Hoffe ich wenigstens. Dann schlafe ich ein.

(Originaltext von 2010)