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Dehli

Die Küche des Sikhtempels von Dehli, Indien 2010
Agra, sechs Uhr morgens. Für mich hat der vorletzte Tag dieser Reise begonnen. Es geht mit dem Bus zum Bahnhof, wo diejenigen in den Zug nach Varanasi steigen, die die Verlängerung gebucht haben. Abschied. Zu sechst fahren wir dann ohne unseren Guide weiter nach Delhi. Bis zum frühen Nachmittag sind wir unterwegs, inklusiv Toilet und Chai Stop. In Delhi haben die beiden Fahrer uns dann mit einer Stadtrundfahrt hinhalten müssen, weil der Localguide nicht aufgetaucht ist. Als wir den endlich aufgepickt haben ist es schon 15 Uhr und wir sind alle genervt, weil wir, außer ein paar Erdnüssen, die wir bei einem Straßenhändler erstanden haben, nichts gegessen haben. Ein kurzer Fotostop am India Gate. Dann geht es weiter zum großen Sikh-Tempel von Delhi. Ich denke an Inder unseren Guide und finde es schade ihn nicht dabei zu haben. Er hat während der Reise schon viel von dem Tempel, seinem Tempel, erzählt. Hier hat er seine Kindheit und Jugend verbracht und hier in der Nähe lebt er auch mit seiner Familie. Und da erstaunt es mich auch nicht weiter, als mich Inders Gesicht von einem Plakat an der Mauer, in dem schmalen Zugang zu dem Tempel, herunter anlächelt. Ich kann die Aufschrift natürlich nicht lesen aber anscheinend hängen an dieser Plakatwand Bilder von Mitarbeitern des Tempels. Wir gehen noch ein Stückchen weiter und schließlich in einen hölzernen Vorbau.

Wie üblich geben wir unsere Schuhe ab und diesmal auch unsere Socken, aber auf dem weißen indischen Marmor ist das kein Problem. Ein Priester verteilt Broschüren über den Sikhglauben und beäugt misstrauisch unsere Kopfbedeckungen, die im Tempel Pflicht sind. Schließlich entscheidet er, dass Baseballkappen nun gar nicht gehen und verteilt orangefarbene Kopftücher. Dann dürfen wir in den Tempel. Barfuß laufen wir durch eine enge Gasse, vorbei an einem Waschplatz und stehen schließlich vor einer großen Freitreppe, die direkt zum Eingang des Tempels führt. Der Marmor unter meinen Füßen fühlt sich kühl und angenehm an. Das Innere des Tempels ist mit dicken, weichen Teppichen ausgelegt. Ein Priester liest aus einem großen Buch vor, während einige Musiker eine sphärische Musik dazu spielen. Jedenfalls scheint es so. Trotz des Trubels um mich herum befällt mich eine angenehme Ruhe. Ich setze mich auf den Teppich und höre zu. Ich könnte hier bis in alle Ewigkeit sitzen bleiben. Mach ich natürlich nicht, denn wir müssen ja irgendwann weiter.

Vor dem Tempel verteilen gläubige Sikhs aus großen Kesseln, eine heilige, süße Paste aus Nüssen. Schmeckt gut und kann man essen. Wenn man sie nicht probieren möchte kann man auch einfach vorbei gehen, das ist wird nicht als unhöflich angesehen. Was man jedoch auf keinen Fall tun sollte, ist die Paste anzunehmen um sie dann wegzuwerfen. Nahrungsmittel sind auch hier nichts Selbstverständliches. In einem Sikhtempel wird jeder kostenlos beköstigt. Es gibt immer ein einfaches Essen und der Tempel verfügt über einen Speisesaal für gut 2000 Personen. Die Gläubigen kochen hier ehrenamtlich und das Essen wird aus Spenden finanziert. Der Tempel ist immer durch einen hohen gelben Mast gekennzeichnet, der es einem früher auch in der Wüste ermöglichte das rettende Gebäude schon von weitem auszumachen. Neben dem Tempel befindet sich immer auch ein Wasserbecken in dem die Gläubigen rituelle Bäder nehmen. Ich streife noch ein bisschen durch die Verkaufsstände die anlässlich des Geburtstags des Religionsstifters Bücher, T-Shirts und religiöse Gegenstände verkaufen. Dann wird es Zeit weiter zu kommen. Was mich jedoch immer wieder erstaunt ist die Art der Inder. Da kommt ein anscheinend gutsituierter Sikh, jedenfalls hatte er bei seinem Bauch genug zu essen, aus dem sauberen und aufgeräumten Tempel und pisst dann einfach vor unseren Augen auf die Straße.

Es wird der Reise sicher nicht gerecht, den Reisebericht mit einem auf die Straße pinkelnden Inder zu beenden. Und so denke ich um so lieber an unser letztes Essen in Delhi zurück: Als wir endlich im Hotel ankommen ist es bereits dunkel. Fast zwei Stunden haben wir uns mit dem Bus durch die abendliche Rushhour Delhis gequält. Wir sind irgendwo im Dunstkreis des Flughafens. Du weißt schon so eine Gegend, die nicht gerade vertrauenerweckend aussieht. Aber als wir reinkommen alles ganz neu, sauber und schön. Das Restaurant befindet sich im Keller erklärt man uns. Es sieht aus wie eine amerikanische Cocktailbar. Aber irgendwie scheint man nicht auf Gäste eingestellt zu sein. Mir schwant böses. Wir haben seit dem Frühstück immer noch nichts gegessen. Der Engel kommt dann schließlich in Form eines älteren Küchenchefs rein. In Anzug und Krawatte. „Nein“, sagt er, er habe nicht alles da was auf der Karte ist. Aber wenn wir uns auf vegetarisch einigen könnten würde er uns etwas anrichten. Wir sind genervt, sagen aber alle ja. Was dann kommt entpuppt sich als das beste Essen der ganzen Reise. Es gibt 3 oder 4 Gemüsegerichte, Reis, Naan und Bier (andere Getränke sind aus). Wir werden von vorne bis hinten bedient. Der Preis liegt bei 400 Rs pro Person inkl. Bier. Das Essen ist ein Traum.

Es ist mittlerweile neun. Wir können jetzt bis um halb eins Schlafen, dann geht es zum Flughafen. Noch drei Stunden bis zum Abflug. Ein Blick auf die Anzeigetafel. Und siehe da, der Flug hat Verspätung. Vier Stunden. Neue Abflugzeit neun Uhr. Ich gehe zum Schalter. Ja, das ist schon richtig. Check-In ist um sechs. Wir suchen uns eine Bank und schlafen. Um halb fünf werde ich dann schließlich wach und guck nochmal auf die Anzeigetafel. Mein Magen zieht sich langsam zusammen. Bei unserem Flug steht nun Check-In closed. Hatte ich da was falsch verstanden? Also nochmal zu Schalter. „Nein, alles in Ordnung. Die Anzeige ist nicht korrekt. Check-In ist sechs Uhr.“ Um sechs hat sich dann immer noch nichts getan. „Nein, wir wissen frühestens um sieben was mit der Maschine ist und ob die überhaupt geht.“ Prima. Wir gehen also zum Manager von Turkish Airlines und erklären ihm höflich, dass wir in Istanbul die Flüge nach Stuttgart, Berlin und Frankfurt bekommen müssen und dass die Zeit dafür langsam knapp wird. Er hat ein Einsehen und meint wir sollen in einer viertel Stunde nochmal vorbei kommen, man wird sich darum kümmern, um 9.45 geht eine Lufthansamaschine nach München. In der Zwischenzeit laufen immer mehr Paramilitärs über den Flughafen. Ich denke mir, dass München immer noch besser ist zum Festsitzen ist als Delhi oder Istanbul.

Um 6.15 drückt man mir eine handgeschriebene Liste mit den Namen der Passagiere nach Stuttgart in die Hand und erklärt mir das sei das Ticket für den Lufthansa Flug nach München, von dort aus geht es dann weiter nach Stuttgart. Das Ticket gilt auch für die drei Deutschen aus Katmandu. Wir checken ein. Bei mir heißt es „No Problem Sir.“Mit zwei der anderen Passagiere gibt es ein Problem. Übergepäck! 350 Euro! Die beiden beschweren sich, weil sie das Mehrgepäck gebucht und auch bezahlt haben. „Ok.“ sagt der Lufthasachief, „300 Euro! Freundschaftspreis!“ Nach einigem hin und her war aber auch das geklärt und TA übernimmt den Mehrpreis. Sieben Stunden später und um die Erfahrung Lufthansa fliegen zu dürfen reicher, komme ich dann in München an. Von dort aus geht es dann mit einer Propellermaschine weiter nach Stuttgart. Drei weitere Stunden später bin ich schließlich zu Hause. Es schneit. Später er-fahre ich, dass es in Sikkim politische Zwischenfälle gegeben hat. Deswegen seien viele Flüge abgesagt worden. Es würde auch das Militär am Flughaben erklären, das aussah als würde es zu einem Einsatz fliegen. Ich muss gestehen, es fällt mir schwer zu Hause anzukommen. Aber ich schwebe aber mittlerweile nur noch zehn Zentimeter über dem Boden und keine 30 mehr. Interessant, dass ich noch gelassener sein kann als ich es vorher war. Reisen verändert einen eben doch.

(Originaltext von 2010)